Gleitschirmfliegen war ursprünglich pure Freiheit. Anders sein, eine lautlose Flucht aus dem Alltag, Abstand von den Problemen. Doch Massenmedien und Händler haben den Himmel längst zur Arena für moderne Gladiatoren gemacht. Ein fataler Trend, denn ein fairer Wettkampf ist kaum möglich, denn teure Ausrüstung und nackte Risikobereitschaft zählen mehr als echtes Können. Hat das Gleitschirmfliegen endgültig seine Seele verloren?
Erinnert ihr Euch an die römische Geschichte? Brot und Spiele, dem Tod geweihte Gladiatoren?
Vor zweitausend Jahren bauten römische Kaiser gigantische Arenen. Sie boten dem Volk „Brot und Spiele“, um es bei Laune zu halten und von den wahren Problemen abzulenken. Heute brauchen die Veranstalter kein Kolosseum mehr. Die Arena sind die Berge, die Tribüne ist das Smartphone, und die modernen Kaiser tragen keine Lorbeerkränze, sondern verkaufen Energy-Drinks in blau-silbernen Dosen.
Der Gleitschirmpilot von heute, der in den hochgezüchteten Leistungssport gedrängt wird, ist der Gladiator unserer Zeit. Klar, es gibt natürlich noch andere Sportarten, die eine ähnliche Faszination auf die Menschen ausüben: Formel 1, Ski-Abfahrt, Base-Jump. Alle haben eines gemeinsam: „Action“ ist garantiert, das Risiko hoch, die Todesfälle spektakulär.
Die Massen auf Social Media gieren nach genau demselben Nervenkitzel wie einst der römische Mob: Sie wollen Helden sehen, die sich am Rande des Abgrunds bewegen. Sie liken spektakuläre Abgänge, geilen sich an gefährlichen Starts bei extremen Bedingungen auf und fordern immer extremere Videos.
Der römische Philosoph Seneca war schon damals angewidert davon, wie das Publikum in der Arena stets nach blutigeren Reizen schrie, weil die normale Action zu schnell langweilig wurde. Schaut man sich die heutigen Übertragungen von Hike-and-Fly-Extremrennen an, spürt man genau diesen Geist: Der Pilot wird zum reinen Content-Lieferanten degradiert, der für Klicks und Sponsorengelder seine Gesundheit aufs Spiel setzt.
Glaubt ihr mir nicht? Hier ein paar „Beweise“: Täglich verunglücken im Hochsommer in den Alpen 20-30 Motorradfahrer, davon alle zwei Tage einer tödlich. In Südtirol, vor meiner Haustür, sind es über 50, davon fast jeden Tag eine tödlich.
Bergsteigen ist noch gefährlicher: Im Sommer bis zu 5 tödliche Bergtote in den Alpen, unzählige verletzte und kaum noch erfassbare Rettungseinsätze.
Aber: In den Medien wird das bestenfalls noch eine Randnote. Ganz anders, wenn einer von uns verunglückt. Das gibt einen Aufreißer auf der Titelseite, Berichte im Fernsehen und in den Foren, Youtube und Facebook geht’s richtig rund. Besonders, wenn das Opfer dabei noch ein cooles Selfie oder jemand von außen den Unfall gefilmt und veröffentlicht hat.
Na, wann habt ihr das letzte Mal ein Unfallvideo vom Autofahren, Motorradfahren, Klettern, Bergsteigen angesehen? Keines! Vom Fliegen? Gestern? Heute?
Gratuliere! Damit habt ihr unseren Sport unbewusst in die Kategorie der modernen Gladiatorenkämpfe gepuscht. Die Klicks bestimmen, was die Masse zu sehen bekommt.
Und ganz nebenbei: Zusätzlich dazu habt ihr euer Unterbewusstsein dabei konsequent für eben dieses Abstürzen programmiert, was für manche bedeutet, dass sie irgendwann auch in den Genuss der sozialen Aufmerksamkeit kommen.
Der Mythos vom fairen Sport
Die Marketingmaschine der Gleitschirmbranche, allen voran die Verbände und Hersteller, verkaufen uns das Fliegen als „Sport“. Doch das ist eine Quatsch. Sport, im klassischen Sinne, setzt echte, faire Vergleichbarkeit voraus. Wenn acht Sprinter auf der 100-Meter-Bahn stehen, sind die Bedingungen für alle gleich. Wer am schnellsten läuft, hat das größte Talent und am härtesten trainiert. Er gewinnt.
Im Flug gibt es diese Gleichheit nicht. Gleitschirm-Wettbewerbe sind in Wahrheit eine Materialschlacht, die stark an den Rüstungswettlauf antiker Gladiatorenschulen erinnert. Wer das meiste Geld für das beste Material hat – das fünfstellige Budget für Hochleister, maßgeschneiderte Gurtzeuge und die Zeit für endloses Training–, der betritt diese Arena mit Schwert und Schild, während der Rest mit einem Holzknüppel kämpft. Ein hochtalentierter Pilot mit Standardausrüstung wird einen mittelmäßigen Piloten unter einem CCC-Wettbewerbsschirm auf langen Talquerungen niemals einholen. Kleine, leichte Piloten und Pilotinnen werden sich niemals fair mit den großen schweren messen können, da steht das aerodynamische Gesetz der Reynoldszahl, welches die Leistung unter anderem anhand der Flügeltiefe bestimmt.
Das Totschlagargument, man verzeihe mir dieses Word, aber es passt hier einfach im doppelten Sinne, ist letztlich die Risikobereitschaft. Wenn genügend irre mit Vollgas in Bodennähe mit ihren Hochleistern dahinrasen, wird immer einer dabei sein, der eine sensationelle Leistung erbringt. Der für ein paar Tage gefeiert wird, der in den sozialen Medien kurze Erwähnung findet. Dem sein Umfeld gratuliert. Vielleicht bekommt er am Saisonsende sogar die Hand vom Vereins- oder gar Verbandsvorstand geschüttelt, für seine herausragende Risikobereitschaft, äh, sorry, ich meinte, Leistung.
Ich übertreibe? Mitnichten! Gerade in den letzten Monaten gab es sensationelle Flüge, aber auch sehr viele schwere Unfälle.
Da das Material mittlerweile komplett ausgereizt ist und sich nahe dem absoluten Limit der Aerodynamik bewegt, bleibt oft nur noch eine einzige Stellschraube, um sich den (Tages-)Sieg zu holen: das Risiko.
Wettkampf- und XC-Gleitschirmfliegen belohnt nicht den besten oder sichersten Piloten, sondern denjenigen, der bereit ist, die Vernunft auszuschalten. Wer fliegt gnadenlos durch turbulente Lee? Wer drückt den Beschleuniger auch dann noch voll durch, wenn die Thermik bockig, die Höhe definitiv nicht ausreicht, um eine Störung abzufangen? Womöglich über einem Gelände, wo man sich mit Sicherheit bei einer Landung am Rettungsschirm schwer verletzt oder kaum geborgen werden kann? Wer ignoriert die heranziehende Gewitterfront am längsten?
Stopp, Korrektur: Anhand der letzten Tage muss die Frage hier lauten: Wer fliegt konsequenter und schneller zwischen oder unter den Gewitterzellen durch?
Mir ist es unerklärlich, warum inzwischen so viele Piloten da mitmachen. Ok, bei den X-Alps kann man das noch verstehen, Medienwirksamkeit und langanhaltende Bekanntheit sind reizvoll. Aber für einen läppischen Eintrag im (nationalen) XC-Contest sein leben riskieren?
Ich habe ja den Verdacht, dass sich da beim manchen durch die Kombination Höhe, Stress, Leistungsdrang und Fokussierung auf die Kilometer der Rest des Gehirnes einfach abschaltet. Das Fliegen wird kein Spiel mehr mit Risikoabschätzung, den Naturgewalten, der Ausrüstung und sich selbst, sondern alles wird Mittel für einen einzigen Zweck: Leistung!
Diese gefährliche Mischung aus virtuellem Leistungsdruck und Social-Media-Eitelkeit, befeuert von der ständigen Schulterklopferei in den Vereinen, funktioniert erschreckend effizient. Doch die eigentlichen Förderer dieses Wahnsinns sind jene, die eigentlich für Sicherheit sorgen sollten, oder sollte ich besser schreiben, die die Verrückten unter uns vor sich selbst schützen müssten: die Verbände, Verkäufer und Gesetzgeber.
Statt schützende Grenzen zu ziehen, wird dieser gefährliche Zirkus nicht nur geduldet, sondern aktiv gefördert. Man sieht bewusst weg, wenn völlig ungeeignete Schirm-Gurtzeug-Kombinationen geflogen oder Gurtzeuge ohne Flugtauglichkeitsprüfung auf den Markt geworfen werden. Schlimmer noch: Es grenzt an vorsätzlichen Betrug, wenn bei Musterprüfungen mit Faltleinen und kreuzverspannten Gurtzeugen geflogen wird oder vorgegebene Aufhängungshöhen schlichtweg ignoriert werden.
All das zeugt von einem erschütternden Desinteresse an der Gesundheit der Piloten. Zwar versucht man, die Todesfälle und Schäden an Dritten irgendwie einzugrenzen, um die Versicherungspolizzen niedrig zu halten. Aber das, was die Krankenversicherung des Einzelnen abdeckt, also „Normale“ Unfälle, interessiert bestenfalls die Statistik.
Wie sonst ist es zu erklären, dass sich heute jeder Anfänger direkt nach der Schulung legal unter einen mörderischen Hochleister hängen darf? Oder dass Piloten, die mit aggressiven Parakites im Ausland mit ihrem A-Schein fliegen gehen dürfen und dafür sogar offiziell versichert werden?
Die Absurdität dieses Systems gipfelt in der Auswertung der eingereichten Flüge. Da wird pedantisch auf den Meter genau kontrolliert, ob jemand eine Flugverbotszone gestreift hat. Aber ob der Pilot gerade mit einem CCC-Schirm im aerodynamischen Submarine-Gurtzeug – vielleicht nur wenige Monate nach seiner Scheinerteilung – völlig losgelöst von jeder Vernunft durch eine aktive Gewitterfront gejagt ist? Das interessiert niemanden. Hauptsache, die Kilometer, die Punkte stimmen.
Die Folgen für unseren Sport sind fatal. Wir haben die Magie des Fliegens gegen das Image der modernen Gladiatoren der Lüfte eingetauscht und werden in der Öffentlichkeit längst als lebensmüde Verrückte abgestempelt, die den eigenen Unfall nur hinauszögern.
„Ave, Caesar, morituri te salutant!“ – Die Todgeweihten grüßen dich. Wie im alten Rom!
Jene von uns, die verantwortungsvoll und sicher ihre Strecken fliegen, müssen nach der Landung feststellen, dass andere, risikobereitere Piloten auf der „besseren“ Ausrüstung viel weiter geflogen sind. Ihre Leistung löst sich dann in Nichts auf. Es ist nicht einfach, sich als vernunftbegabter Pilote dem psychologischen Druck zu widersetzen und dennoch Freude und Erfüllung in seinen Flügen zu finden. Man wird zum Niemand, fällt nicht auf und dessen Videos über schöne Landschaften, Begegnungen mit Vögeln und sanfte Landungen sind so langweilig, dass sie mangels Klicks im Sumpf des Internets unbeachtet untergehen.
Vielleicht kommt dann die Wut auf, der Drang, die wenig durchdachte Motivation: Ich will auch mal 200,300km fliegen. Mal gefeiert werden! Also, her mit dem Hochleister, her mit dem Race-Gurtzeug. Mentales Training, und geistiges Aufschaukeln – egal ob man die Erfahrung und das Wissen hat, um das auch zu überleben.
Diese ungefragte digitale Dauerbombardierung mit den Mega-Strecken erzeugt irgendwann bei fast jedem Minderwertigkeitskomplexe. Anstatt die eigenen kleinen Flüge zu feiern, denkt man sich dann beim Blick in seinen Social-Media-Feed resigniert, man ist für diesen Sport ohnehin zu blöd oder untalentiert.
Die Lösung!
Nachdenken! Dazu ein paar Gedanken, die es wert sind, diskutiert und für sich selbst geprüft zu werden.
Fangen wir mit dem Wettkampfgedanken an. Ja, der Mensch mag Vergleiche. Sich messen mit anderen. Das muss wohl so sein, um die Evolution weiter voranzutreiben. Manche brauchen auch das Machtgefühl, das Siegesgefühl, das Rampenlicht. Es sei ihnen gegönnt!
Ob sich der Aufwand und das Risiko wirklich lohnt, sie das vor ihren Liebsten vertreten können, muss jeder selbst entscheiden. Und zu dieser Entscheidung bewusst stehen.
Das sind die Pioniere, die, die die Grenze verschieben, die davon vielleicht sogar leben können. Die vom Adrenalin, vom Erfolg abhängig sind. Sie sind eine ganz andere Kategorie als die große Masse der Piloten, die sich vollkommen bewusst sind, dass sie das nicht haben wollen.
Das sind die modernen Gladiatoren!
Dazu eine wahre Begebenheit: Vor vielen Jahren gab es bei einer Herstellerversammlung beim Coupe Icare den Vorschlag, sich am olympischen Gedanken zu orientieren und einheitliche Geräte mit Gewichtsklassen einzuführen, damit die Leistung der Athleten fair verglichen werden kann. Das hätte zudem die Chancen erhöht, jemals zur olympischen Disziplin zu werden.
Doch fast alle waren sich einig: „Das kann man nicht machen, dann fliegen alle nur noch mit dem billigsten Gerät eines asiatischen Herstellers und wir scheuen in die Röhre!“
Das Argument, man würde so wie es gerade läuft aber die eigenen Wettkampfpiloten opfern, wurde allen Ernstes von einem der Teilnehmer lapidar so abgewiesen: „Sicher fallen einige runter, aber wir haben ja genug Piloten, die trotzdem weiterfliegen.“
Letztlich haben sie sich zumindest auf die CCC-Klasse geeinigt, was genaugenommen nichts anderes ist, als eine Fak-Musterprüfung für die Gladiator-Klasse.
Die Lösung wäre, immer noch: Vergleiche, Wettkämpfe auf gleichwertiger Ausrüstung, in verschiedenen Gewichtsklassen. Wie bei der Olympiade und in vielen anderen fairen Sportarten. Grenzen setzen, was die Bedingungen und Aufgaben bei den XC-Wettbewerben betrifft.
Manche XC-Bewerbe setzen jetzt schon den Fokus auf die körperliche Leistung, statt auf Material und Risiko. Ein guter Ansatz!
Für den Einzelnen ist die Lösung einfach, aber leider mental nicht einfach umzusetzen:
Sich bewusst machen, was man sich vom Fliegen erwartet, wünscht. Warum man mit dem Fliegen angefangen hat.
Dabei ist es ein echtes Wunder, sich mit kaum mehr als einer wenig Stoff und Leinen im Reich der Vögel zu bewegen. Es ist die Erfüllung des ältesten Menschheitstraums, das Gefühl von Freiheit, welches wir am Boden niemals finden werden. Wenn man sich dem Fliegen mit Hingabe und Demut nähert, entstehen vielleicht sogar Momente des Flows. Das sind diese raren Augenblicke, in denen der ratternde Verstand endlich verstummt, das Denken völlig in den Hintergrund tritt und wir im absoluten Hier und Jetzt ein unverfälschtes, maximales Glücksgefühl erleben dürfen.
Um diese Magie zurückzugewinnen, müssen wir vor allem eines tun: Uns radikal vom Leistungsgedanken verabschieden. Schluss mit dem gefährlichen Vergleichen und dem Zwang, uns mit jedem Flug auf Social Media exhibitionieren zu müssen. Unser wahrer Anspruch sollte sein, das Fliegen wieder für uns selbst zu nutzen, für die eigene Erfüllung, für persönliches Wachstum und tiefe Selbsterfahrung. Das bedeutet konkret: Wir wählen die Ausrüstung, die ehrlich zu unserem Können passt, und nicht die, die den meisten Status verspricht. Es bedeutet stetige Weiterbildung und die Demut, sich auch an flugfreien Tagen intensiv mit sich selbst und der Fliegerei auseinanderzusetzen. Nur so holen wir uns den Himmel zurück.“

